
If you just get up every morning, and keep plugging, and have some discipline, and keep learning, and it's amazing how it works out ok.
Jeden Morgen aufstehen, beharrlich dabeibleiben, Disziplin wahren und unaufhörlich lernen – es ist erstaunlich, wie gut sich die Dinge dann fügen.
—— Charlie Munger
Dies ist wohl eines der schlichtesten Zitate Mungers. Es enthält keine großen Narrative, keine geheimnisvollen Formeln, sondern lediglich das aufrichtige Resümee eines 99-jährigen Mannes, der auf sein Leben zurückblickt.
I. Warum „Beständigkeit“ wichtiger ist als die „Wahl der Richtung“
Gängige Erfolgstheorien besagen oft: „Die Wahl ist wichtiger als die Anstrengung.“ Munger sah das anders.
Sein Partner Walter Schloss investierte 49 Jahre lang mit einer fast schon einfältig wirkenden Methode. Er besaß keinen glanzvollen akademischen Grad (nur einen Highschool-Abschluss), verfügte über keinen Informationsvorsprung (er las lediglich öffentliche Geschäftsberichte), traf niemals das Management (aus Angst, „von ihm verführt zu werden“), nutzte keinen Computer (bis 2002 führte er handschriftliche Aufzeichnungen) und erstellte keine makroökonomischen Prognosen.
Er tat nur eines: Er kaufte Aktien, deren Kurs unter dem Nettoinventarwert lag, und wartete geduldig auf die Rückkehr zum inneren Wert.
Über 49 Jahre hinweg erzielte er eine jährliche Rendite von 15,7 % – ein Vielfaches des S&P 500 Index.
In einer Rede im Jahr 1994 sagte Munger über Schloss:
He just kept turning over rocks. Fifty years of turning over rocks.
Er hat einfach unermüdlich Steine umgedreht. Fünfzig Jahre lang, Tag für Tag.
II. Disziplin: Die physiologische Basis des Belohnungsaufschubs
Was Munger mit „ein wenig Disziplin“ (some discipline) meinte, war keine militärische Strenge, sondern eine im Alltag nachhaltige Selbstbeherrschung.
Die Verhaltensökonomie nennt dies Belohnungsaufschub (delayed gratification). Kahnemans Prospect Theory zeigt, dass Menschen von Natur aus verlustavers sind und sofortige Belohnungen bevorzugen. Die häufigsten Fehler beim Investieren – dem Trend hinterherlaufen, exzessiver Handel, Panikverkäufe – entspringen alle diesem Instinkt.
Mungers Lösung war denkbar einfach:
Sit on your ass.
Bleib auf deinem Hintern sitzen.
Oder noch deutlicher:
The big money is not in the buying and the selling, but in the waiting.
Das große Geld liegt nicht im Kaufen und Verkaufen, sondern im Warten.
Warten erfordert Disziplin. Disziplin erfordert Erkenntnis – man muss wissen, warum man warten muss.
III. Kontinuierliches Lernen: Eine andere Form des Zinseszinses
Eine von Mungers am meisten unterschätzten Einsichten ist, dass Lernen selbst ein Zinseszins-Prozess ist.
Er las täglich 500 Seiten. Keine seichte Erbauungsliteratur, sondern Geschäftsberichte, Biografien und wissenschaftliche Abhandlungen. Mit siebzig Jahren eignete er sich ein Raster psychologischer kognitiver Verzerrungen an, um geschäftliche Probleme zu analysieren. Mit neunzig korrigierte er noch immer Fehlurteile aus der Vergangenheit.
Dies ist kein hohler Slogan des „lebenslangen Lernens“, sondern eine konkrete Methode:
- Interdisziplinarität: Er beschränkte sich nicht auf Investmentbücher. Munger entlehnte die „kritische Masse“ der Physik, die „Nische“ der Biologie und die 25 Standardmuster menschlicher Fehlurteile der Psychologie.
- Inversion: Invert, always invert. Er fragte nicht: „Wie werde ich erfolgreich?“, sondern: „Was führt unweigerlich zum Scheitern?“ – um dies dann konsequent zu meiden.
- Ständige Korrektur: Fehler eingestehen und das Weltbild aktualisieren. Munger sagte einmal, seine größten Investmentfehler seien „Unterlassungssünden“ (errors of omission) gewesen – nicht der Kauf des Falschen, sondern das Zögern bei einer offensichtlichen Gelegenheit.
IV. Warum „in Ordnung“ das höchste Lob ist
Es ist bemerkenswert, dass Munger nicht sagte: „Du wirst großen Erfolg haben“ oder „Du wirst finanzielle Freiheit erlangen“. Er sagte: it works out ok – die Dinge werden sich zum Guten fügen.
Dies entspricht ganz dem Wesen Mungers. Keine falschen Versprechungen, sondern die ehrliche Botschaft: Wenn man diese drei Dinge praktiziert (Beharrlichkeit, Disziplin, Lernen), wird die Wahrscheinlichkeit auf deiner Seite stehen.
Spinoza schrieb am Ende seiner Ethik:
Sed omnia praeclara tam difficilia, quam rara sunt.
Alles Vortreffliche ist ebenso schwierig wie selten.
Munger hätte dem sicher zugestimmt. Doch er hätte wohl hinzugefügt:
Deshalb muss man jeden Morgen aufstehen und unermüdlich weitermachen.