Im Jahr 1927 nahm sich 王国维 (Wang Guowei) im Kunming-See das Leben. 陈寅恪 (Chen Yinke) verfasste die Grabinschrift für ihn und schrieb dabei die wohl berühmtesten zehn Schriftzeichen der modernen chinesischen Geistesgeschichte nieder:
独立之精神,自由之思想 (Geist der Unabhängigkeit, Freiheit des Denkens).
Diese zehn Zeichen dienten nicht nur als Epitaph für Wang Guowei, sondern wurden zum Leitmotiv für Chen Yinkes eigenes Leben.
I. Was bedeutet Unabhängigkeit?
Die Unabhängigkeit, von der Chen Yinke sprach, war keine Form der narzisstischen Selbstgenügsamkeit. Es handelte sich vielmehr um eine fundamentale akademische Haltung: sich keiner politischen Macht unterzuordnen, sich keiner autoritären Meinung zu beugen und allein Evidenz und Vernunft als Maßstab anzuerkennen.
In der Grabinschrift erläuterte er dies weiter:
Nur dieser Geist der Unabhängigkeit und diese Freiheit des Denkens werden über zehntausend Generationen hinweg bestehen, so dauerhaft wie Himmel und Erde, so ewig leuchtend wie Sonne, Mond und Sterne.
Die tiefe Bedeutung dieser Worte liegt darin: Politische Mächte, akademische Strömungen und gesellschaftliche Moden unterliegen dem steten Wandel von Aufstieg und Verfall. Nur der unabhängige Geist und das freie Denken des Gelehrten vermögen die Fesseln ihrer Zeit zu transzendieren und mit den Gestirnen um die Wette zu strahlen.
II. Nach der Erblindung
Im Jahr 1944 erblindete Chen Yinke auf dem rechten Auge. Im darauffolgenden Jahr verlor er auch die Sehkraft des linken Auges. Er war damals 55 Jahre alt und befand sich auf dem Zenit seiner akademischen Laufbahn.
Ein gewöhnlicher Mensch hätte unter diesen Umständen wohl die Feder niedergelegt. Doch die drei Jahrzehnte nach seiner Erblindung sollten zur produktivsten Phase seines wissenschaftlichen Lebens werden. Durch Diktat und mit Hilfe von Assistenten vollendete er Monumentalwerke wie Lün Zaishengyuan (Über das Schicksal der Wiedergeburt) und Liu Rushi Biezhuan (Eine alternative Biografie von Liu Rushi).
Das Werk Liu Rushi Biezhuan umfasst über 800.000 Schriftzeichen. Vordergründig untersucht es die Beziehung zwischen der berühmten Kurtisane Liu Rushi und dem Gelehrten Qian Qianyi am Ende der Ming-Dynastie. In Wahrheit jedoch nutzte Chen die Geschichte der Alten, um seinen eigenen Schmerz zu kanalisieren – er schrieb über die existenziellen Entscheidungen von Intellektuellen inmitten gewaltiger historischer Umbrüche.
Dass ein blinder Gelehrter durch bloßes Diktieren ein solches Mammutwerk der Quellenforschung vollbrachte, ist nicht nur ein Beweis für reine Willenskraft; es ist der höchste Ausdruck des „Geistes der Unabhängigkeit“ in widrigsten Umständen.
III. Verweigerung und Standhaftigkeit
Als die Chinesische Akademie der Wissenschaften Chen Yinke 1953 zum Direktor des Instituts für Mittelalterliche Geschichte ernennen wollte, stellte er zwei Bedingungen:
Ich werde mich nicht zum Marxismus-Leninismus bekennen und nicht an politischen Schulungen teilnehmen.
In dem damaligen politischen Umfeld glich dies dem Versuch, einen Stein mit einem Ei zu zerschmettern. Doch Chen handelte nicht aus einer Laune heraus, sondern um die Grundfesten der Wissenschaft zu verteidigen: Wenn akademische Forschung ein vordefiniertes Ergebnis voraussetzen muss, verliert die Forschung selbst jeglichen Sinn.
Dies korrespondiert mit Mungers Diktum, dass Rationalität eine moralische Pflicht sei („rationality is a moral duty“). Die Unabhängigkeit des Gelehrten und die Rationalität des Investors sind im Kern dasselbe: die Weigerung, das eigene Urteil durch äußeren Druck verzerren zu lassen.
IV. Inspiration für die Geldanlage
Chen Yinkes Wirken scheint auf den ersten Blick nichts mit dem Investieren zu tun zu haben, doch besteht eine tiefe innere Verwandtschaft.
Warren Buffett unterscheidet zwischen der Inner Scorecard und der Outer Scorecard – erstere misst das eigene Handeln an internen Standards, letztere am Urteil anderer. Chen Yinke hat zeit seines Lebens nie eine Outer Scorecard verwendet.
Der größte Feind am Markt ist nicht der Mangel an Informationen, sondern der Konformismus. Der Konsens der Analysten, die Schlagzeilen der Finanzmedien, die Portfoliomeldungen der Konkurrenz – all dies sind Prüfungen für den „Geist der Unabhängigkeit“ eines Investors.
Walter Schloss suchte fünfzig Jahre lang nach unterbewerteten Werten, ohne darauf zu achten, was andere kauften. Peter Lynch sagte, wer verkaufe, nur weil die Kurse fallen, hätte gar nicht erst kaufen sollen. John Templeton war gierig, wenn andere ängstlich waren.
Sie alle praktizieren im Grunde Chen Yinkes zehngliedriges Credo.
独立之精神,自由之思想 (Geist der Unabhängigkeit, Freiheit des Denkens). Über zehntausend Generationen hinweg, so dauerhaft wie Himmel und Erde.